Die künstlerische Position von Renate Krammer (geb. 1956 in Kärnten) ist durch eine konsequente, fast meditative Beschäftigung mit der Linie als autonomem Gestaltungsmittel geprägt. Ihre Arbeit lässt sich als radikale Reduktion beschreiben, bei der die Linie nicht mehr zur Darstellung von Gegenständen dient, sondern selbst zum Thema wird.
Die Linie als autonomes Element: Krammer befreit die Linie von ihrer repräsentativen Funktion. Seit über 25 Jahren erforscht sie die freihändig gezogene Linie, beginnend bei einfachen Graffitilinien auf weißem Papier.
Materialität und Struktur: Die Wirkung ihrer Werke resultiert aus dem Zusammenspiel von Zeicheninstrument (z. B. Bleistift unterschiedlicher Härtegrade), der Struktur des Untergrunds (glattes oder strukturiertes Papier) und dem Duktus der Hand.
Übergang zum Dreidimensionalen: In neueren Arbeiten verlässt sie die rein zweidimensionale Grafik. Sie reißt Papierbögen auseinander, akzentuiert die Risskanten (z. B. mit Gold- oder Silberfarben) und schichtet diese, wodurch 3D-Grafiken oder Reliefs entstehen. Hier wird die Linie zur physischen Kante und Grenze zwischen Flächen.
Radikale Reduktion: Durch die Selbstbeschränkung auf das Element der Linie potenzieren sich für Krammer die Möglichkeiten. Diese Reduktion ist eine Reaktion auf ein Übermaß an äußeren Ereignissen und schafft eine "Poesie der Linie".
Prozesshaftigkeit: Der Riss oder die gezeichnete Spur wird als Dokumentation einer Handlung verstanden – ähnlich wie bei Lucio Fontanas Schnitten in die Leinwand, jedoch ohne den Fokus auf Destruktion.